Gesundheit im Team · · 6 Minuten
Hoher Krankenstand in der Pflege: Was Einrichtungen verändern können
Der Dienstplan steht – dann kommen zwei Krankmeldungen. Die Leitung organisiert Ersatz, Kolleginnen und Kollegen übernehmen zusätzliche Aufgaben, geplante Gespräche werden verschoben. Solche…
Der Dienstplan steht – dann kommen zwei Krankmeldungen. Die Leitung organisiert Ersatz, Kolleginnen und Kollegen übernehmen zusätzliche Aufgaben, geplante Gespräche werden verschoben. Solche Situationen stellen Pflegeeinrichtungen vor eine doppelte Herausforderung: Die Versorgung muss gesichert bleiben, zugleich braucht das verbleibende Team Schutz vor Überlastung.
Wie groß das Thema ist, zeigt eine viel diskutierte Rechnung: Würde der Krankenstand in der Altenpflege auf das durchschnittliche Niveau aller Berufe sinken, entspräche die gewonnene Arbeitskapazität rechnerisch rund 28.000 Vollzeitstellen. Care vor9 berichtete darüber am 21. September 2026 unter Bezug auf eine Berechnung des bpa-Präventionsexperten Joachim Görtz.
Die Zahl lenkt den Blick auf eine zentrale Frage: Wie lassen sich Arbeitsbedingungen so gestalten, dass Pflegekräfte ihren Beruf langfristig gesund ausüben können?
Was die Zahl von 28.000 tatsächlich bedeutet
Die Berechnung übersetzt zusätzliche krankheitsbedingte Ausfallzeiten in jährliche Arbeitskapazität. Sie beschreibt weder neu gewonnene Pflegekräfte noch tatsächlich besetzbare zusätzliche Stellen. Grundlage ist die Annahme, dass Fehlzeiten auf das durchschnittliche Niveau aller Berufe reduziert werden könnten.
Damit ist sie eine Modellrechnung, keine Prognose. Ob und in welchem Umfang sich Fehlzeiten reduzieren lassen, hängt von vielen Faktoren ab. Die besonderen Anforderungen der Pflege lassen sich zudem nicht einfach mit denen aller anderen Berufe gleichsetzen.
Für deine Einrichtung sollte die Zahl deshalb keine pauschale Einsparvorgabe sein. Sie ist ein Anlass, vermeidbare Belastungen systematisch zu untersuchen. Gesundheit ist das Ziel; verlässlichere Arbeitskapazität kann eine Folge sein.
Wie hoch sind die Fehlzeiten?
Die Techniker Krankenkasse veröffentlichte im Mai 2026 folgende Werte für das Datenjahr 2025:
Berufsgruppe / Durchschnittliche Krankschreibungstage 2025
- Alle Berufe in der TK-Auswertung: 17,7 Tage
- Pflegeberufe insgesamt: 27,8 Tage
- Krankenpflege: 25,8 Tage
- Altenpflege: 32,7 Tage
Pflegekräfte waren in dieser Auswertung somit rund zehn Tage länger krankgeschrieben als der berufsübergreifende Durchschnitt. Die Altenpflege lag nochmals darüber. Gleichzeitig berichtet die TK von einem leichten Rückgang im zweiten Jahr in Folge.
Die Datenbasis umfasst die bei der TK versicherten Erwerbspersonen. Die Werte sind daher keine Vollerhebung sämtlicher Beschäftigter in Deutschland. Außerdem sind dokumentierte Krankschreibungstage nicht automatisch mit ausgefallenen Dienstplantagen gleichzusetzen. Für betriebliche Vergleiche müssen Bezugsgrößen und Berechnungsmethoden zusammenpassen.
Fehlzeiten zeigen Handlungsbedarf – aber nicht automatisch die Ursache
Ein hoher Krankenstand allein erklärt noch nicht, warum Menschen erkranken. Aus einer Kennzahl lässt sich weder mangelnde Motivation noch eine bestimmte Führungsschwäche ableiten. Auch einzelne längere Erkrankungen können den Wert kleiner Teams stark beeinflussen.
Für die Analyse der Arbeitsbedingungen benennt die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege unter anderem Zeitdruck, Unterbrechungen, Schichtarbeit, mangelnde Planbarkeit, fehlende Erholung und soziale Beziehungen als relevante Belastungsfelder. Wie diese wirken, hängt auch von Intensität, Dauer und individuellen Voraussetzungen ab.
Sinnvoll ist deshalb eine Verbindung aus Kennzahlen und Gesprächen über den Arbeitsalltag. Wo entstehen regelmäßig Engpässe? Welche Aufgaben werden häufig unterbrochen? Wann sind Pausen kaum realisierbar? Welche Hilfsmittel fehlen genau dann, wenn sie gebraucht werden?
Dabei geht es um Arbeitsbedingungen und organisatorische Muster. Persönliche Diagnosen sind kein notwendiger Bestandteil einer Teamanalyse.
Dienstplanung: Verlässlichkeit braucht ein Ausfallkonzept
Wenn jeder Ausfall eine neue Suche nach freiwilligem Einspringen auslöst, bleibt die Planung dauerhaft störanfällig. Ein erster Ansatz ist deshalb, den Umgang mit Ausfällen vorab zu organisieren.
Prüfe beispielsweise, welche Reservekapazitäten vorhanden sind, wann ein Springerpool sinnvoll sein könnte und nach welchen Kriterien zusätzliche Unterstützung angefordert wird. Entscheidend ist auch, wer diese Entscheidungen trifft und wie das Team informiert wird.
Die arbeitswissenschaftliche Bedeutung der Dienstplangestaltung ist gut begründet: Ungünstige Arbeitszeiten können die körperliche und psychosoziale Gesundheit beeinträchtigen. Das Präventionsportal „Sichere Pflegeeinrichtung“ weist ausdrücklich auf diesen Zusammenhang hin.
Für deine Einrichtung bietet sich eine konkrete Ausgangsfrage an: Wie häufig verändert sich ein veröffentlichter Dienstplan kurzfristig – und warum? Aus der Antwort lassen sich oft gezieltere Maßnahmen ableiten als aus dem Krankenstand allein.
Körperliche Entlastung muss im Alltag funktionieren
Ein Hilfsmittel entlastet nur, wenn es verfügbar ist und sicher eingesetzt werden kann. Die BGW empfiehlt unter anderem geeignete Hilfsmittel in unmittelbarer Reichweite, ausreichend Bewegungsfreiheit und eine passende Arbeitshöhe. Auch vorhandene Fähigkeiten der pflegebedürftigen Menschen sollen einbezogen werden.
Für die Leitung lohnt deshalb ein Blick auf reale Pflegesituationen: Ist das benötigte Hilfsmittel schnell erreichbar? Passt es zum Bedarf? Sind die Mitarbeitenden mit der Anwendung vertraut? Lässt die räumliche Situation eine sichere Nutzung zu?
Schulungen können dabei unterstützen. Ergänzend braucht es die organisatorischen Voraussetzungen, damit das Gelernte auch unter Zeitdruck angewendet werden kann.
Führung: Belastungen ansprechen und Veränderungen nachvollziehbar machen
Die BGW empfiehlt für Pflegeeinrichtungen klare Aufgaben und Zuständigkeiten, geplante Einarbeitung sowie die Beteiligung der Mitarbeitenden an der Arbeitsgestaltung. Auch die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen gehört zu den genannten Maßnahmen.
Ein praktikabler Einstieg ist ein kurzes, regelmäßig stattfindendes Gespräch über konkrete Belastungssituationen. Die Leitfrage lautet: Was hat unsere Arbeit diese Woche unnötig erschwert?
Wähle anschließend gemeinsam mit dem Team wenige veränderbare Punkte aus. Halte fest, wer sich darum kümmert und wann ihr die Wirkung überprüft. So wird sichtbar, dass Rückmeldungen zu Entscheidungen führen.
Vertrauliche Beratung, Supervision oder externe Unterstützungsangebote können ergänzend sinnvoll sein. Sie sollten zu den tatsächlichen Bedürfnissen passen und für Beschäftigte erreichbar sein.
Welche Unterstützung bieten die Krankenkassen?
Für die Gesundheitsförderung der Beschäftigten ist § 20b SGB V eine zentrale Grundlage. Danach fördern Krankenkassen gesundheitsförderliche Strukturen in Betrieben. Dazu gehören die Erhebung der gesundheitlichen Situation, die Entwicklung geeigneter Maßnahmen und Unterstützung bei der Umsetzung. Regionale Koordinierungsstellen bieten Unternehmen Beratung zum Zugang an.
Davon zu unterscheiden ist § 5 SGB XI: Diese Vorschrift betrifft Prävention für Pflegebedürftige. Sie ist keine allgemeine Finanzierungsgrundlage für das Gesundheitsmanagement der Beschäftigten.
Kläre vor Projektbeginn mit einer Krankenkasse oder der regionalen BGFKoordinierungsstelle, welche Unterstützung für dein Vorhaben möglich ist. Eine pauschale Zusage zur Finanzierung sämtlicher Maßnahmen lässt sich daraus nicht ableiten.
Ein überschaubarer Start für die nächsten drei Monate
Als organisatorischer Einstieg bietet sich ein begrenztes Vorhaben an:
- Ausgangslage verstehen: Betrachte Fehlzeiten im zeitlichen Verlauf und ergänze sie um Dienstplanänderungen, Mehrarbeit und Rückmeldungen aus dem Team.
- Einen Schwerpunkt wählen: Bearbeite zunächst ein konkretes Problem, etwa fehlende Pausenvertretung oder schlecht verfügbare Hilfsmittel.
- Verantwortung vereinbaren: Lege fest, wer die Maßnahme umsetzt und welche Unterstützung benötigt wird.
- Wirkung überprüfen: Prüfe, ob sich die betreffende Arbeitssituation verbessert hat. Der Krankenstand allein ist dafür kurzfristig kein ausreichender Maßstab.
Setze keine schnellen prozentualen Senkungen voraus. Eine gute Auswertung berücksichtigt auch, ob Mitarbeitende Entlastung wahrnehmen und die neuen Abläufe tatsächlich nutzen können.
Gesunde Arbeitsbedingungen gehören damit unmittelbar zur Personalstrategie. Wer neue Mitarbeitende gewinnen möchte, sollte zugleich daran arbeiten, dass bestehende Teams verlässlich und gesund arbeiten können.
Du möchtest Arbeitsorganisation, Führung und Personalgewinnung in deiner Pflegeeinrichtung gemeinsam weiterentwickeln? Schreib Soluta Plus und schildere uns, wo dein Team aktuell die größte Entlastung braucht.
Quellen und weiterführende Informationen
Stand: 25. September 2026.
- TK: Pflegekräfte mit deutlich höherer Belastung – Fehlzeiten bleiben hoch, 11. Mai 2026, Datenjahr 2025.
- Care vor9: 28.000 Stellen durch Normalisierung des Krankenstands, 21. September 2026; Bericht zur bpa-Modellrechnung.
- BGW: Psychische Belastungen bei der Arbeit.
- Sichere Pflegeeinrichtung: Dienstplangestaltung
- BGW: Top Five für die rückengesunde Pflege, 30. Juli 2025.
- BGW: Sichere Seiten – Psychische Belastung in Pflegeeinrichtungen, August 2024.
- § 20b SGB V: Betriebliche Gesundheitsförderung
- § 5 SGB XI: Prävention für Pflegebedürftige
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